Potenziale und Chancen

Entlasten bei Bewegungsabläufen

Insbesondere bei der Grundpflege und bei wiederkehrenden Routinetätigkeiten im stationären Bereich wird der Einsatz von Exoskeletten als sinnvoll und hilfreich erachtet, da hier häufig Alltagsroutinen etabliert sind und standardisierte Bewegungsabläufe ausgeführt werden. Exoskelette können Pflegekräften bei der Ausführung von sicher gefährdenden Tätigkeiten beim Bewegen von Menschen entlasten [BGW Menschen bewegen – sicher und gesund und Gefährdende Tätigkeiten beim manuellen Bewegen von Menschen].

Das Unterstützungspotenzial zeigt sich vor allem bei gleichförmigen Bewegungen, beispielsweise beim Transfer zwischen Pflegebett und Rollstuhl oder OP-Liege, bei kinästhetischen Transfervorgängen, bei denen die zu pflegende Person noch mitarbeitet, beim Aufrichten von gestürzten Personen sowie beim Mobilitätstraining von Patientinnen und Patienten mit Gehversuchen.

Auch bei ergänzenden Nebentätigkeiten, die tagtäglich in Pflegebetrieben anfallen, können Exoskelette eingesetzt werden. Dies betrifft z. B. innerbetriebliche Hol-Bring-Dienste, Hauswirtschaftstätigkeiten - insbesondere beim Anliefern und Umräumen, aber auch bei der Handhabung von Gegenständen, wie z. B. Wasserkästen, Wäschesäcke oder Verbrauchsmaterialien.

Reduzieren von Muskel-Skelett-Belastungen und Fehlzeiten

Insbesondere da, wo gefährdende Tätigkeiten nach heutigem Erkenntnisstand zu einem Frühverschleiß des Bewegungsapparates führen und mit dem Einsatz von konventionellen Hilfsmitteln nicht ausreichend kompensiert werden können, kann sich der potenzielle Nutzen u. a. durch Senkung physischer Belastungen und Verringerung von Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems zeigen. Damit ließen sich neben Erkrankungen auch damit einhergehende Fehlzeiten reduzieren.

Anpassen an individuelle (Pflege)Situationen

Der Einsatz von Exoskeletten bietet sich vor allem in Situationen an, in denen Pflegekräfte allein arbeiten müssen – beispielsweise in Räumen, in denen keine anderen Hilfsmittel wie Lifter verfügbar oder einsetzbar sind, oder beim Mobilisieren gestürzter Personen in sehr engen Bereichen, etwa Badezimmern. Unterschiedliche Einsatzszenarien sind möglich, sofern Bewegungsspontanität, Tragekomfort sowie die individuelle Anpassung an die menschliche Anatomie und Kinematik gewährleistet bleiben.

Erhalt der Leistungsfähigkeit und Unterstützen von Leistungsgewandelten

Exoskelette können die Einsatzmöglichkeiten von leistungsgewandelten Beschäftigten erweitern. Dies wäre vor allem für Personen hilfreich, bei denen das Fortschreiten von Vorerkrankungen bzw. das Auftreten von Folgeschäden verhindert bzw. verringert werden könnte. Dies betrifft vor allem Pflegekräfte mit Erkrankungen im Bereich von Rücken, Schulter oder Hüfte. Angesichts des Fachkräftemangels, der Anforderungen an eine alters- und alternsgerechte Arbeitsgestaltung sowie des Wegfalls des Unterlassungszwangs im Berufskrankheiten-Recht besitzt dieser Aspekt besondere Bedeutung.

Bewusstsein für Bewegungen und Belastungen

Der Träger eines Exoskeletts kann auf eine ergonomische und physiologische Bewegung sensibilisiert werden und Bewusstsein für die rückengerechte Ausführung von Bewegungen und die möglichen Belastungen erlangen.

Zusätzliche (Schutz-)Funktionen

Zukünftig könnten Exoskelette mit erweiterten Schutzfunktionen ausgestattet werden, etwa mit Bewegungsbegrenzungen oder optischen, akustischen und haptischen Rückmeldesystemen, die die Nutzenden bei der sicheren Ausführung von Bewegungen beim Bewegen von Menschen unterstützen. Zur Sturzprophylaxe wäre zudem die Integration von Komponenten wie Airbags oder aktiv gesteuerten Sturzvermeidungssystemen denkbar.

 

Herausforderungen und Grenzen von Exoskeletten

Begrenzte Anwendungsszenarien

Die Individualität ist zugleich auch die größte Schwäche von Exoskeletten. Sie sind begrenzt auf spezielle Anwendungsszenarien, wie das Anheben von Lasten. Tragen und Absetzen werden allerdings, vor allem bei passiven Exoskeletten, nicht unterstützt.

TOP-Prinzip vernachlässigt

Exoskelette sind mechanische Ausrüstungen und können als technische Maßnahme angesehen werden, allerdings stellen sie lediglich eine personenbezogene und keine kollektive Maßnahme dar. Das TOP-Prinzip greift daher nicht an oberster Hierarchieebene.

Nichtanwenden anderer Hilfsmittel

Exoskelette könnten zur Nichtanwendung anderer Hilfsmittel führen. Sie sollten kein Ersatz für andere Hilfsmittel wie z. B. Lifter sein, sondern unterstützend verwendet werden.

Neue Gefährdungen

Hinzu kommt, dass Exoskelette verschiedene neue Gefährdungen mit sich bringen können, die neu zu denkende Maßnahmen auch für den Notfall erfordern.

Fehlbelastungen (anderer) Körperregionen

Hierzu gehört, dass hohe muskuloskelettale Belastungen einzelner Körperregionen verringert werden sollen, ohne andere Körperregionen durch die Umverteilung der Kräfte und Momente zu gefährden. Es liegen noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, welche Wechselwirkungen hierbei eintreten, ob Fehlbelastungen entstehen können oder sich einzelne Muskelgruppen zurückbilden.

Hohe Kosten

Die Anschaffungskosten für Exoskelette sind derzeit hoch und werden bislang nicht in ausreichendem Maße durch Förderprogramme, Kostenträger oder andere Finanzierungsquellen abgedeckt. Auch die laufenden Instandhaltungskosten sind bisher nicht verlässlich kalkulierbar.

Hoher Zeit- und Qualifikationsaufwand

Die Einführung erfordert eine umfangreiche Einarbeitung, einschließlich Auswahlprozess, Anpassung an die Nutzenden sowie tägliches An- und Ablegen der Geräte.

(Nicht-)Akzeptanz der Nutzenden

Fehlende Akzeptanz bei Nutzenden oder bei pflegebedürftigen Personen kann den Einsatz von Exoskeletten einschränken. Um Vorbehalte abzubauen, sind Aufklärung und Sensibilisierung notwendig.

Reinigung und Desinfektion

Hygienische Probleme bei Reinigung bzw. Desinfektion der Produkte sind noch ungeklärt.

Maße und Gewicht

Zu den spezifischen Problemen aktiver Exoskelette gehören auch das Gewicht der Geräte, die Anpassung an die menschliche Anatomie und Kinematik sowie das Erkennen der menschlichen Absichten, um reibungslose Bewegungen zu ermöglichen.

Unzureichende Vorschriften und Regelwerke

Die rechtlichen und normativen Grundlagen für den Einsatz von Exoskeletten sind noch nicht ausreichend geschaffen.

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