Inhaltsverzeichnis
Stand: 12/2017

BÜT Schwergewichtige Patienten gesund und sicher versorgen

Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen haben immer häufiger sehr schwere und stark übergewichtige Menschen zu versorgen – eine Aufgabe mit vielfältigen Herausforderungen sowohl für den Arbeitsschutz wie auch für die menschenwürdige Pflege und medizinische Versorgung. Entscheidend ist hier eine gute Vorbereitung der Einrichtungen, bevor eine Aufnahmesituation eintritt.

Kaum ein Krankenhaus ist auf die Notfallversorgung schwergewichtiger Patientinnen und Patienten eingestellt. Die ersten Hürden tun sich bereits in der Notaufnahme auf: So fehlt es häufig bereits an belastbaren Patiententragen und Stühlen, Blutdruckmessgeräten und Pflegematerialien in den entsprechenden Größen. Die Funktionseinheiten zur Diagnostik wie zum Beispiel die Radiologie, der Herzkathetermessplatz und die Sonografie sind oft nicht auf schwere Menschen mit ihren entsprechenden Körpermaßen ausgerichtet. Sollte eine Operation notwendig sein, stehen ggf. nur OP-Tische zur Verfügung, die die Anforderungen an die sichere Arbeitslast nicht erfüllen und zudem eine viel zu schmale Liegefläche vorweisen. Aber auch der Transfer auf den OP-Tisch stellt bereits eine Herausforderung dar, da die Schleusentische häufig nur bis 160 kg ausgelegt sind.

Übergewicht und Adipositas in Zahlen

  • Ob jemand übergewichtig ist, wird in der Regel anhand des Body-Mass-Indexes (BMI) bestimmt. Dieser berechnet sich nach folgender Formel: BMI = Gewicht/Größe2. Dabei werden das Gewicht in Kilogramm und die Größe in Metern berücksichtigt.
  • Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation beginnt Übergewicht bei einem BMI von 25, ab einem BMI von 30 spricht man von starkem Übergewicht oder Adipositas.
  • In Deutschland sind nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts derzeit 53,0 Prozent der Frauen und 67,1 Prozent der Männer übergewichtig. Zugenommen hat in den vergangenen Jahren der Anteil der adipösen Menschen. Er liegt derzeit bei 23,9 Prozent der Frauen und 23,3 Prozent der Männer.
  • Inwiefern sich für die Pflege und medizinische Versorgung eines Menschen aufgrund seines Gewichts besondere Herausforderungen ergeben, hängt aber nicht allein vom BMI ab.
    • Beispiel 1: Eine nicht gehfähige Patientin ist 1,60 Meter groß und 80 Kilo schwer. Sie hat einen BMI von 31,2 und ist damit stark übergewichtig. Die runde Körperform erschwert das Bewegen dieser Patientin, aber die regulären Hilfsmittel und die sonstige Ausstattung des Krankenhauses reichen hier vollkommen aus.
    • Beispiel 2: Ein ebenfalls nicht gehfähiger Patient misst 2,05 Meter und wiegt 115 Kilo. Er hat einen BMI von 27,4 und gilt damit noch nicht als adipös. Trotzdem kann er aufgrund seines Gewichts nur mit Hilfsmitteln bewegt werden. Gleichzeitig ist hier auf die Belastbarkeit der Geräte und Materialien zu achten.

Belastungen für das Muskel-Skelett-System der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Schon das Pflegen „normalgewichtiger“ Menschen (80 kg) verlangt dem Muskel-Skelett-System (zu) viel ab, wie Laborstudien zeigen, die die BGW zusammen mit dem Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund durchgeführt hat. Viele Transfer-, Positionierungs- und Mobilisationssituationen liegen hier weit über den empfohlenen Werten.

Wie eine Folgestudie mit schweren Probandinnen und Probanden (90, 110, 130 und 150 kg) gezeigt hat, steigt diese Belastung der Wirbelsäule beim Pflegen schwergewichtiger Menschen in der Regel noch deutlich  an. Allerdings spielen auch die Körperform, Fitness und aktuelle Verfassung der Patientin bzw. des Patienten eine Rolle. Sehr rundliche Körperformen lassen sich zum Beispiel besonders schwierig greifen und verstärken dadurch die körperliche Belastung der Pflegekräfte. Auf der anderen Seite entlastet es die Pflegenden, wenn die Patientin bzw. der Patient an Bewegungsvorgängen aktiv mitwirken kann.

Vorbereitung für den Notfall „Aufnahme einer schweren Patientin oder eines schweren Patienten“

Um nicht in einer Notfallsituation vor diversen ungeklärten Fragen und Problemen zu stehen, können sich Krankenhäuser systematisch auf die Versorgung schwergewichtiger Patientinnen und Patienten vorbereiten. Zu berücksichtigen sind dabei insbesondere drei Themenfelder:

  1. Bauliche und technische Aspekte
  2. Ausstattung der Einrichtung mit Hilfsmitteln
  3. Organisationsfragen

Bauliche Aspekte

In baulicher Hinsicht sind unter anderem folgende Fragen zu klären:

  • Insbesondere in Altbauten müssen Statikfragen geklärt werden: Bis zu welchem punktuellen Gewicht sind die Decken belastbar? Das Bett hat in der Regel vier Auflagepunkte (Rollen), auf denen das gesamte Gewicht des Bettes inklusive Patientin oder Patient lastet. Spezialbetten wiegen über 350 kg. Hinzu kommt das Patientengewicht, zum Beispiel 250 kg zuzüglich Equipment am oder im Bett, Gesamtgewichte von 700 bis 900 kg (!!!) sind dann schnell erreicht.
  • Behindern Schwellen, Gitterroste oder andere Unebenheiten im Boden die Einlieferung schwergewichtiger Patientinnen und Patienten in die Notaufnahme und den Weitertransport in andere Krankenhausabteilungen/-bereiche?
  • Sind die Bodenbeläge auf entsprechend schwere Pflegebetten und Hilfsmittel ausgelegt?
  • Reichen räumliche Abmessungen und die Tragkraft der Aufzüge, um die Patientinnen und Patienten – gegebenenfalls in schweren Spezialbetten zusammen mit Hilfsmitteln, medizinischem Gerät und Begleitpersonen – in andere Stockwerke zu bringen?
  • Gibt es in der Einrichtung Verkehrswege mit Gefälle, die mit der Patientin bzw. dem Patienten befahren werden müssen, um zum Beispiel eine Funktionsabteilung erreichen zu können?

  • Reichen die Türbreiten und Kurvenradien im Gebäude aus, um extrabreite Spezialbetten sicher zu bewegen?

  • Bieten Patientenzimmer und Nasszellen genügend Bewegungs-, Stell- und Lagerflächen?

  • Sind die vorhandenen Geländer und Handläufe so stabil, dass sie gehfähigen schwergewichtigen Patientinnen und Patienten sicheren Halt geben?

  • Welches Lastgewicht halten die in der Regel wandmontierten Toiletten aus? Hier sind vor allem die Frage der Montage oder Verdübelung und die Art des Mauerwerkes zu beachten.

  • Bis zu welcher Aufstützlast halten Waschbecken und wandmontierte Haltegriffe/Stützklappgriffe, ohne aus der Wand zu brechen?

Ausstattung

Für die Versorgung schwergewichtiger Patientinnen und Patienten müssen sämtliche relevanten Einrichtungsgegenstände, Geräte und Hilfsmittel hinsichtlich ihrer sicheren Arbeitslast (maximale Belastbarkeit) überprüft werden. Das ermittelte Gewicht sollte deutlich auf den Gegenständen vermerkt werden. So kann jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sofort entscheiden, ob sie bzw. er das Hilfsmittel einsetzen kann.

Hinsichtlich der Einhaltung der sicheren Arbeitslast ist nicht nur das Gewicht der Patientin bzw. des Patienten zu berücksichtigen, sondern zum Beispiel bei Betten auch das Gewicht der Matratze und von Anbauteilen wie z. B. Seitensicherungen, Infusionsständer, Antidekubitusmatratze mit Motor.


Technische Hilfsmittel


Technische Hilfsmittel sind bei der Versorgung nicht gehfähiger schwergewichtiger Menschen im Krankenhaus unverzichtbar.

  • Lifter helfen zum Beispiel beim sicheren Umlagern oder Umsetzen der Patientinnen und Patienten oder beim Aufheben vom Boden, wenn jemand gestürzt ist. Mobile Lifter sind hier flexibel einsetzbar. Fest installierte Deckenliftersysteme sind allerdings vorzuziehen, da sie keine Stellfläche benötigen und das schwierige Manövrieren des Lifters mit Patientin und Patient entfällt.

  • Mobile Aufstehhilfen unterstützen das Umsetzen von Patientinnen und Patienten von der Bettkante in den Roll- oder Toilettenstuhl. Zudem erleichtern sie das Anziehen der Kleidung.

  • Schiebehilfen für Betten, sogenannte Mover, sind spezielle Flurförderzeuge. Die Betten werden statt mit Muskelkraft mit Motorkraft bewegt.

Kleine Hilfsmttel

Ergänzend unterstützen kleine Hilfsmittel das Bewegen der Patientinnen und Patienten.

  • Gleitmatten/Gleittücher/Gleittunnel reduzieren den Reibungswiderstand beim Positionieren der Patientinnen und Patienten im Bett, zum Beispiel beim Höherlagern. Das verringert die Belastung für die Beschäftigten und die Patientinnen und Patienten.
  • Rollbretter helfen dabei, Patientinnen und Patienten zum Beispiel von einer Trage ins Bett sicher horizontal umzulagern.
  • Antirutschmatten bieten den Patientinnen und Patienten Halt, wenn sie sich mit den Fersen auf der Matratze abdrücken, um in Richtung Kopfende zu rutschen.

Krankenhäusern ist zu empfehlen, mindestens ein Pflegezimmer – möglichst im Erdgeschoss – präventiv für die Versorgung schwergewichtiger Patientinnen und Patienten vorzubereiten. Dort sollte ein besonders leistungsfähiger Deckenlifter installiert sowie ein ausreichend dimensioniertes Pflegebett und weitere geeignete Hilfsmittel bereitgestellt werden. Rollstühle und Rollatoren gibt es selbst in Übergrößen auch in zusammenfaltbarer Ausführung. So lassen sie sich bei Platzmangel zusammen mit den relevanten kleinen Hilfsmitteln in Schränken verstauen.

Des Weiteren sollte Kontakt zu Anbietern von Medizinprodukten für Schwergewichtige aufgenommen werden. Wenn dann im Akutfall noch Hilfsmittel fehlen, kann das benötigte Material kurzfristig nachgekauft oder gegebenenfalls auch gemietet werden. Schließlich kann es vorkommen, dass ein Hilfsmittel innerhalb von Stunden beschafft werden muss, um keine Gefährdungen der Patientin oder des Patienten oder der Beschäftigten durch ungeeignete Hilfsmittel zu riskieren. Das ist auch rechtlich relevant: Wenn eine Pflegekraft etwa eine Patientin bzw. einen Patienten in einen Rollstuhl mit zu geringer sicherer Arbeitslast setzt, wendet sie dieses Medizinprodukt entgegen seiner Zweckbestimmung an. Knickt der Rollstuhl unter dem Gewicht zusammen und verletzt sich die Patientin bzw. der Patient dabei, kann das zivil- und strafrechtliche Folgen haben.


Bei der Auswahl der Hilfsmittel kommt es neben der Arbeitslast häufig noch auf weitere Faktoren an. Bei Betten für die Pflege Schwergewichtiger beispielsweise sollte die Liegefläche 120 bis 150 cm breit sein, damit die Patientin bzw. der Patient genügend Platz hat, sich auf die Seite zu drehen. Die elektrische Verstellbarkeit, die schon bei regulären Pflegebetten wichtig ist, ist hier unverzichtbar. Auch eine integrierte Wiegevorrichtung kann nützlich sein, um der Patientin bzw. dem Patienten und den Beschäftigten im Pflegealltag den Transfer auf die Waage zu ersparen.

Die Einsatzmöglichkeiten und die sichere Arbeitslast von kleinen und großen Hilfsmitteln können in der „Hilfsmitteldatenbank“ nachgeschaut werden.

Organisatorisches

Weitere Vorkehrungen sind auf organisatorischer Ebene zu treffen:

  • Beschriftung der Hilfsmittel und Einrichtungsgegenstände
  • Führen einer Inventarliste, aus der auch die sichere Arbeitslast der unterschiedlichen Hilfsmittel hervorgeht
  • Erstellung einer Handlungsanweisung/Leitlinie für die Aufnahme schwergewichtiger Patientinnen und Patienten
  • Regelmäßige Unterweisung der Beschäftigten in der Nutzung der vorhandenen Hilfsmittel sowie in geeigneten Bewegungs- und Transferkonzepten, wie z. B. Kinästhetics
  • Klärung, ob es einen geeigneten mobilen Lifter gibt, der in der Lage ist, eine schwere Patientin bzw. einen schweren Patienten, die oder der gestürzt ist, vom Fußboden aufzuheben
  • Evakuierung der schwergewichtigen Patientin bzw. des schwergewichtigen Patienten im Brandfall:
    In welchem Stockwerk befindet sich das Patientenzimmer? Da die Aufzüge in der Regel nicht genutzt werden können, muss die „manuelle“ Evakuierung über ein Treppenhaus in Erwägung gezogen werden. Kann die Feuerwehr ggf. das Zimmer von außen mit einer Drehleiter erreichen, und wenn ja, bis zu welchem Gewicht ist das Ausleitern möglich?
  • Bei Aufnahme einer schwergewichtigen Patientin bzw. eines schwergewichtigen Patienten sind der Dienstplan und die Arbeitsabläufe den Erfordernissen anzupassen. Es muss jederzeit ausreichend Personal vorhanden sein, um die Patientin bzw. den Patienten sicher zu versorgen. Zu berücksichtigen ist dabei auch, dass Untersuchungen, Behandlungen und Pflegetätigkeiten bei stark schwergewichtigen Menschen in der Regel länger dauern.

Psychische Belastung

Insbesondere bei fehlender oder unzureichender Ausstattung kann die Versorgung adipöser Patientinnen und Patienten aufgrund der außergewöhnlichen Pflegesituation auch zu psychischen Belastungen führen. Vorbeugen können neben den schon genannten baulichen technischen und organisatorischen Vorkehrungen auch gezielte Schulungen zum Thema Adipositas.

Empfehlung zur Vorgehensweise für die Bearbeitung des Themas

Die systematische Vorbereitung eines Krankenhauses auf schwergewichtige Patientinnen und Patienten beginnt am besten mit einer systematischen Analyse der Situation vor Ort. Anhand der oben aufgeführten Kriterien lässt sich ermitteln, bis zu wie viel Kilogramm Körpergewicht Patientinnen und Patienten derzeit adäquat versorgt werden können.

Hieraus lassen sich die notwendigen Maßnahmen ableiten, die umgesetzt werden müssen, um im Bedarfsfall höhergewichtige Patientinnen und Patienten zu versorgen.

Ferner sollte auch ein Notfallplan für den Fall bestehen, dass eine Patientin bzw. ein Patient eingeliefert wird, die oder der mit der vorhandenen Ausstattung nicht sicher versorgt werden kann.

Es empfiehlt sich, in diesem Prozess auch die externen Kooperationspartner wie Feuerwehr, Rettungsdienst, Krankentransporte und externe Diagnostikeinrichtungen mit einzubeziehen.