Der Beruf der Hebamme ist eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, die mit viel Freude und Erfüllung verbunden ist. Dem gegenüber stehen zahlreiche Gesundheitsgefahren, denen Hebammen in ihrem Berufsalltag ausgesetzt sind. Hierzu zählen vor allem Gesundheitsgefahren, die dem Bereich der psychischen Belastungen zugeordnet werden können. Hebammen tragen im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer "natürlichen Geburt" und notwendigen medizinischen Interventionen eine hohe Verantwortung. Die Gefahr einer Traumatisierung durch schwierige Geburtsverläufe, mit zum Teil unglücklichem Ausgang, kann eine große Belastung darstellen. Hinzu kommen Nachtarbeit bzw. Schichtdienste und ein Arbeitsalltag, der häufig geprägt ist von hoher Arbeitsdichte und Zeitnot. Im Krankenhaus bewegen sich Hebammen zusätzlich in einem komplexen Sozialgefüge mit vielen Schnittstellen zu anderen Berufsgruppen, insbesondere dem ärztlichen Dienst, was auch zu Konflikten führen kann.
Hebammen benennen häufig als Defizite der Arbeitsorganisation, kein verlässliches Dienstfrei zu haben, unter einer zu geringen Personalbesetzung sowie Schicht- und Wochenendarbeit zu leiden. Als psychisch belastend werden darüber hinaus insbesondere folgende Situationen empfunden:
- Rasch wechselnde Arbeitsspitzen, da sich die Aufnahme Schwangerer nur bedingt steuern lässt und sich Geburtsverläufe schnell ändern können ("… gerade noch alles in Ordnung und im nächsten Moment Katastrophe")
- Die Notwendigkeit, permanent die CTG-Überwachung im Blick zu haben
- Hohe Verantwortung und hoher Entscheidungsdruck bezüglich Interventionen und Hinzuziehung der diensthabenden Ärztinnen und Ärzte (insbesondere Level-1-Zentren)
- Remonstrationsrecht, -pflicht: Die Remonstrationspflicht etwa nach §3 Absatz 3 HebBO NRW bringt Hebammen in die herausfordernde Situation, die Ärztinnen und Ärzte nötigenfalls darauf hinzuweisen, dass eine verlangte geburtshilfliche Handlung nach ihrer Meinung den anerkannten Regeln der Geburtshilfe widerspricht.
- Unglückliche Geburtsverläufe als traumatische Ereignisse
Beispiele für Maßnahmen zur Reduzierung der Gesundheitsrisiken
- Ausreichende Unterstützung durch Hebammenhelferinnen, Reinigungsdienst, Versorgungsassistenz
- Mitarbeitendenorientierte Dienstplangestaltung
- Kurz-vorwärts-rotierende Schichtsysteme (z.B. 2 Früh-, 2 Spät-, 2 Nachtschichten), geblockte Wochenendfreizeiten, Schichtfolge Spät-Früh, Nacht-Spät vermeiden, maximal 3 Nachtschichten hintereinander
- Übertragung der CTG-Überwachung in alle wichtigen Räume
- Interdisziplinäre Teamtrainings zur Stärkung und Weiterentwicklung der fachlichen, kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten
Typische Schwerpunkte sind:
- Kommunikation & Zusammenarbeit
- Klinische Fachkompetenzen
- Rollen & Verantwortung
- Reflexion & Qualitätssicherung
- Psychosoziale Aspekte
Nach Extremerlebnissen wie unglücklichen Geburtsverläufen sollte das Angebot einer psychosozialen Unterstützung unterbreitet werden. Die emotionale Erstversorgung kann sofern vorhanden durch hausinterne Ansprechpersonen erfolgen, die in der kollegialen Nachsorge geschult sind. Alternativ können die Angebote der Unfallversicherungsträger z.B. in Form von probatorischen Sitzungen und sofern erforderlich durch psychotherapeutische Betreuung genutzt werden.
Bei Bedarf sollten Beschäftigte nach Extremerlebnis dienstfrei gestellt werden. Es empfiehlt sich, Betroffene im Rahmen eines "watchful waiting" im Blick zu behalten, um diese Angebote zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu unterbreiten. Auch das Betreuungsmodell eines „Hebammengeleiteten Kreißsaals (HKS)“, welches mittlerweile in vielen Kliniken eingeführt wurde, hat einen Einfluss auf die psychische Belastung. Ein hebammengeleiteter Kreißsaal ist ein Betreuungskonzept für eine natürliche Geburt bei unkomplizierten Schwangerschaften. Die Geburt wird ausschließlich durch eine oder zwei erfahrene Hebammen begleitet, ohne dass Ärztinnen und Ärzte routinemäßig anwesend sind. Sie wären jedoch jederzeit verfügbar.
Das Modell des HKS kann sich aufgrund folgender Aspekte positiv auf die psychische Belastung der Hebammen auswirken:
- Dadurch, dass Hebammen entsprechend ihrer Kernkompetenzen eigenverantwortlich arbeiten, wird die berufliche Autonomie gestärkt.
- Mehr Gestaltungsspielraum und weniger Hierarchiedruck fördern die Arbeitszufriedenheit.
- Die Vertiefung von Kompetenzen in der Entscheidungsfindung und der ganzheitlichen Betreuung fördert die professionelle Weiterentwicklung der Hebammen.
Der HKS kann dazu beitragen, die Attraktivität des Hebammenberufs zu steigern und so die Bindung und Gewinnung von Fachpersonal positiv zu beeinflussen.
Um den Hebammen sowie den Ärztinnen und Ärzten ein stressarmes Arbeiten zu ermöglichen und eine optimale Versorgungsqualität und Sicherheit der Schwangeren zu gewährleisten, sind folgende organisatorische Maßnahmen bei diesem Konzept von besonderer Bedeutung:
- Die Risikokonstellationen, die eine Betreuung im HKS nicht erlauben, müssen klar definiert sein.
- Schnittstellen, insbesondere die Überleitung und die Überleitungskriterien von der hebammengeleiteten Geburt zur Geburt im interprofessionellen Kreißsaal, müssen klar geregelt sein. Es muss ein schriftlich hinterlegtes Überleitungskonzept erstellt werden, welches unter Einbindung aller relevanten Fachabteilungen, Gynäkologie und Geburtshilfe, Pädiatrie bzw. Neonatologie sowie Anästhesie, abgestimmt ist.
- Die Zuständigkeiten und Handlungsalgorithmen müssen vergleichbar zur Notfallmedizin eindeutig festgelegt werden, zum Beispiel nach dem Prinzip „Pilot – Copilot“.
- Behandlungsrichtlinien müssen gemeinsam von Hebammen, Ärztinnen und Ärzten erstellt werden.
- Die verschriftlichten Behandlungsrichtlinien inklusive Notfallsituationen müssen regelmäßig anhand der aktuellen klinischen Leitlinien überprüft und aktualisiert werden. Die Richtlinien müssen allen zugänglich sein.
- Erstellung eines Managementhandbuches und eines Kriterienkatalogs für die Zertifizierung.